Es macht mich glücklich, dass ich diese Familien kennenlernen konnte
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Lettre aux Amis du Monde numéro 103

Ich bin Beraterin für Sozialarbeit an einer Universität in Mumbay. Meinen Werdegang begann ich als Organisatorin in einer Gemeinde und später als Sozialarbeiterin. In dieser Funktion war ich in einem Armenviertel mit Bewohnern verschiedener Religionen und Kasten tätig. Die Mütter arbeiteten als Hausangestellte in gutsituierten Familien der Nachbarschaft, und die Väter arbeiteten als Schuhmacher am Rand der Straßen, wo sie Schuhe und Sandalen reparierten.

Mein Auftrag war, die Entwicklung des Gemeinwesens als Ganzem zu fördern. Zuerst ging es darum, eine Vertrauensbasis mit den Bewohnern schaffen – meistens besuchte ich dafür die Familien bei ihnen zu Hause. Das Ziel war das gegenseitige Kennenlernen und das Miterleben der Lebensumstände, um die Erwartungen der Familien besser verstehen zu können. Die Anliegen waren bei allen die gleichen: die Pflege der Kleinkinder und der Schulbesuch der älteren.

Ausgehend vom Wunsch der Eltern und mit der Unterstützung der Studenten der Sozialarbeit begannen wir die Kinder in der Gemeindeschule einzuschreiben. Dank der finanziellen Unterstützung durch unser Projekt, konnten für sie Schulbücher und weiteres Unterrichtsmaterial bis zur Sekundarstufe angeschafft werden. Im gleichen Projekt wurden den Familien auch Schulungen und Aktionen zur Ermöglichung ihrer Selbstversorgung angeboten.

Jahre später, an einer neuen Arbeitsstelle, wurde mir Besuch angekündigt. Zu meiner großen Überraschung waren es einige junge Leute, die wir damals in diesem Projekt begleitet hatten. Sie hatten eine Arbeitsstelle als Beamte oder im privaten Sektor gefunden. Es war ihnen ein Anliegen, ihre Dankbarkeit auszudrücken, dass ihnen damals ermöglicht wurde, die Schule zu besuchen. Diesen Besuch werde ich nie vergessen. Auch wenn die Entwicklungsprojekte aus finanziellen Gründen begrenzt sind, darf man sie nicht mit einer philanthropischen, meist einmaligen Aktion vergleichen.
Es handelt sich vielmehr um eine nachhaltige Investition in die Entwicklung der sozialen, kulturellen und ökonomischen Bedingungen der Familien. Ich bin berührt und glücklich, dass ich diesen Familien begegnen durfte. Sie arbeiten hart und leben ein bescheidenes Leben – jedoch in einem würdevollen Umfeld. Und nicht zuletzt dienen sie auch den anderen zu ihrer sozialen Veränderung.

Dr. Gracy F., Mumbay, Indien

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