Mit Blick in die Zukunft

„Ich wuchs bei Opa und Oma auf. Ich musste beizeiten erwachsen werden und mich um meine Oma kümmern. Mir hat gefallen, dass ich Gutes tun konnte. Belastet hat mich, dass ich kaum unter Menschen war und niemanden zum Spielen hatte. Wer keine Freunde hat, kann sich nicht so entwickeln. Auch die Schule besuchte ich selten. Mehrere Lehrer kamen zu mir nach Hause und sagten: ‚So geht das nicht‘ – aber es änderte sich nichts. Eine Frau vom Jugendamt wusste Bescheid, aber hat nichts gemacht. Früher mussten Kinder mitarbeiten. Ich habe auch andere gekannt, bei denen es ähnlich war wie bei mir. Ich habe meine Oma bis in den Tod gepflegt. Nachdem sie gestorben war, kam ich zu meiner Mutter und meinem Stiefvater. Damit ging der Horror erst  richtig los. Heute sagt meine Mutter, es tut ihr Leid. Mein Vater wollte sich um mich kümmern und hat mit dem  Jugendamt gesprochen; aber dort wurde er nicht ernst genommen, weil er ein Alkoholproblem hatte. Mit 16 bin ich abgehauen, zu einer weitläufigen Verwandten meiner Oma. Vom Jugendamt bekam ich die Erlaubnis dafür. Meine Gastgeberin war etwas behindert; wir haben uns gegenseitig gestützt. Ich habe in dieser Zeit viel gelernt und auch die Berufsschule besucht. Dann zog ich wieder nach Naila – wegen dem Vater meines Sohnes.

Das Jugendamt kam, als mein Sohn klein war ... ich habe auch selbst gefragt, was es an Hilfe gibt, und wollte alles richtig machen. Im Kindergarten kamen sie mit dem Jungen nicht klar. Deshalb fragte das Jugendamt, ob ich der Aufgabe gewachsen sei. Dabei war er zu Hause anders. Die vom Jugendamt  sagten, sie sorgten sich um meine Psyche – sie wussten  aus den Akten, wie ich aufgewachsen war. Ich hatte Angst, dass mir das Allerliebste weggenommen würde.

Vor allem in dem Jahr, in dem mein Freund die Arbeit verlor, brauchte ich Unterstützung. Mein Freund hatte keine Ansprüche auf Arbeitslosengeld. Mein Sohn brauchte Medikamente, aber er war nicht  krankenversichert. Der Arzt wollte ein Privatrezept ausstellen, aber das hätte ich nicht bezahlen können. Wir standen vor der Wohnungskündigung und Stromsperre. Hilfe bekam ich von der Kirche. Der KASA (1) bin ich immer noch dankbar, und auch der Schuldnerberatung. Das Jugendamt erlebte ich eher negativ; es drohte, meinen Sohn in ein spezielles Internat zu tun. Die übrigen Ämter ließen uns hängen. Ich finde, so etwas darf nicht sein!

Man hört von Männern, die als Alleinverdiener die Arbeit verlieren und die in einer solchen Lage sich und ihre Familie auslöschen. Auch mein Freund hatte solche Gedanken. Ich bin froh, dass ich stark gewesen bin und  mich gekümmert habe. Ich war so tief am Boden,  schlimmer kann es nicht mehr kommen. Zu wissen dass  ich da durchgekommen bin, gibt mir heute Kraft.

Ich wünsche mir, dass meine Kinder in einem liebevollen  Umfeld aufwachsen und nach vorne schauen, wenn es im Leben mal nicht so positiv verläuft. Sie sollen erleben, wie schön es ist, jemanden zu haben, also Freunde und Familie – und nicht, was Einsamkeit anrichten kann.“

1 „Kirchliche allgemeine Sozialarbeit“, eine Beratungsstelle der Diakonie

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