Wenn das Theater zur zweiten Familie wird
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Lettre aux Amis du Monde numéro 101

In Algerien mangelt es in erheblichem Maße an kulturellen Einrichtungen für junge Menschen. Der einzige Ort, an dem sie sich ausdrücken und ausgelassen sein können, ist die Straße.

Dennoch haben auch sie grosse Lust, Musik zu machen oder Theater zu spielen, zu malen, oder sonstige künstlerische oder kulturelle Ausdrucksweisen zu erproben. Azzedine ist in jungen Jahren in den Jugendclub seiner Heimatstadt eingetreten, und besonders zog es ihn zu den Theateraktivitäten. Anfangs nahm er einfach an den Proben der örtlichen Theatergruppe teil, dann übernahm er auch kleine Rollen in Stücken für Kinder. Nach seinem Schulabschluss, ging er zum Studium an das Staatliche Institut für Sonderpädagogik.

2002 bekam er eine Stelle in Si Mustapha versetzt, einer Kleinstadt mit 15.000 Einwohnern, von denen die meisten in den Fabriken oder auf Ländereien rund um die Stadt arbeiteten. Da es keinerlei kulturelle Infrastruktur gab, beschlossen die Leute, ihren eigenen Kulturverein „AFAK“ zu gründen, und sie baten Azzedine, ihnen seine Erfahrungen zur Verfügung zu stellen.

Azzedine ging zu einer Schule, die in der Nähe des Vereins lag, von der er wusste, dass sie keine kulturellen Angebote machte. Er schlug der Schule vor, eine Kinder-Theatergruppe zu gründen, als gemeinsames Projekt von Schule und Verein. Mit der Zeit schlossen sich diese Kinder immer mehr ans Theater an. Als Oberschüler gingen sie über zur nächsten Stufe des Erwachsenen-Amateurtheaters, indem sie zusammen mit Azzedine die Kooperative „El Ajwad“ gründeten. In den drei Jahren Mittelschule und drei Jahren Oberschule nahmen sie an mehreren Festivals im Land teil.

Sid Ali, heute 28 Jahre alt, war einer dieser Jugendlichen. Er schreibt: „Im Theater fand ich eine großartige Möglichkeit, mich auszudrücken. Mit dem Leiter habe ich über Themen diskutiert, über die ich mit meinem Vater nie diskutiert hätte. Unsere Theatergruppe war und ist immer noch meine zweite Familie. Beim Kindertheaterfestival in der Stadt Constantine wurde ich 2005 mit dem Preis für den besten Schauspieler ausgezeichnet. Meine Mutter und meine beiden Schwestern waren sehr stolz auf mich, und ich weiß, dass auch mein Vater stolz auf mich ist, nur zeigt er das nicht.“

Dieses Jahr hat die Kooperative Tapori entdeckt, und man beschloss, diese Aktivitäten zusätzlich zum Theater anzubieten und damit den Kindern die Chance zu geben, noch andere Aktivitäten kennen zu lernen und Freundschaften mit anderen Kindern zu schließen. Einmal in der Woche treffen sie sich für 2 Stunden, und das Treffen beginnt mit Aktivitäten rund um Tapori, um dann mit Theaterproben zu enden.

Azzedine D., Kooperative El Ajwad, Algerien