Die verborgenen Dimensionen der Armut
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Lettre aux Amis du Monde numéro 104

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"Alle Formen von Armut überall auf der Welt zu beseitigen", das ist das übergeordnete Ziel des Programms für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen bis 20301. Um dies zu erreichen ist es nötig, ausser der monetären auch andere Dimensionen in das Reflektionsverfahren über die Armut einzubeziehen.

Die internationale partizipative Forschungsarbeit mit dem Titel "Die verborgenen Dimensionen der Armut" wurde in sechs Ländern durchgeführt. Während drei Jahren haben hunderte Personen, die in Armut leben, Fachleute und Wissenschafter zusammengearbeitet. Sie identifizierten neun Schlüsseldimensionen der Armut, die den Ländern des Südens und des Nordens gemeinsam sind. Zusätzlich zu diesen Schlüsselfaktoren bestimmten sie "modifizierende Faktoren", die die Armut verstärken oder auch lindern können.

1Die Ziele der nachhaltigen Entwicklung (SDG Sustainable Development Goals) sind ein weltweiter Aufruf zum Handeln, um die Armut zu beenden, den Planeten zu schützen und dafür zu sorgen, dass alle Menschen in Frieden und Wohlergehen leben können.

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Neun Dimensionen: drei davon sind bekannt und sechs wurden durch die Studie erarbeitet.

Zu den drei bekannten Dimensionen – Mangel an menschenwürdiger Arbeit, unzureichendes bzw. unsicheres Einkommen, materielle und soziale Benachteiligung – kommen sechs weitere, zu selten in Betracht gezogene Tatsachen:

- Drei Dimensionen der gesellschaftlichen Beziehungen, die sich damit befassen, wie Menschen, die nicht selbst mit Armut konfrontiert sind, das Leben derer beeinflussen, die es sind: soziale Misshandlung, , institutionelle Mishandlung und Nichtanerkennung erbrachter Leistungen.

- Drei Dimensionen, die zu oft nicht genannte Aspekte der Armutserfahrung aufdecken: Körperliches, geistiges und seelisches Leiden, Kampf und Widerstand, Entzug der Handlungsbefugnis.»

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Körperliches, geistiges und seelisches Leiden; der Kampf und die Widerstandskraft; der Entzug der Handlungsbefugnis

 

Menschen, die in Armut leben, leiden körperlich, seelisch und geistig: die schwer erträglichen Lebensumstände und Entbehrungen verkürzen ihr Leben, führen zu Depression, Verzweiflung und auch zum Selbstmord. Sie zehren jeden Tag an der Überlebenskraft. Die Eltern leiden für ihre Kinder, die Kinder leiden für ihre Eltern - die Leiden verstärken sich gegenseitig.

"Wenn der Staat Eltern in Armut die Obhut ihrer Kinder entzieht, wird diese Massnahme gesellschaftlich anerkannt, nicht aber das damit verbundene Leiden und was die Betroffenen tun müssen, um es zu überwinden. Grossbritanien

"Du findest keinen Schlaf. Du denkst: was kann ich tun? Was gebe ich meinen Kindern zu essen? Du fühlst dich sehr schlecht, in deinem Innern tut es weh." Bolivien

Im täglichen Leben empfindet man die Armut als einen Kontrollverlust bei schwierigen Entscheidungen, wenn du die Wahl nicht selbst treffen kannst und sie durch andere getroffen wird. Ein Prozess der Enteignung und Abhängigkeit, von Autonomieverlust, steckt im Innersten der Armutserfahrung.

"Die Armen haben absolut keine Macht in der Gesellschaft. Sie können ihre Stimme nicht erheben, sie wissen, dass niemand zuhört. Es sind die Reichen, die alles kontrollieren." Bangladesh

Der Kampf und das Durchhaltevermögen der Menschen in Armut muss anerkannt werden. Die Leute sind nicht passiv, sie kämpfen aktiv zur Überwindung der Schwierigkeiten im Leben. Sie brauchen wahrhaftig Kreativität, um das Maximum aus den spärlichen Ressourcen zu schöpfen, die ihnen zur Verfügung stehen. Sie tun sich zusammen und begegnen den Herausforderungen und Zwängen gemeinsam.

"(…) ich schöpfe neue Energie und Kraft, um meine Kinder zu ernähren. Ich hoffe, dass, wenn sie grösser sind, ich dieser Armut entkomme." Tanzania

Die Dimension der gesellschaftlichen Beziehungen: soziale Verachtung, institutionelle Abwertung und Herabwürdigung erbrachter Leistungen

 

Die Armut ist in allen gesellschaftlichen Alltagsbeziehungen gegenwärtig, zwischen Individuen, Gruppen und Institutionen jeglicher Art. Personen, die in der Gesellschaft gedemütigt werden, die wegen ihrer Armut beschämt werden, erleiden sozialen Missbrauch. Die, welche von den Institutionen wie Nummern behandelt werden, erleiden institutionellen Missbrauch.

"Eine Nachbarin hat erzählt, dass sie in ihrem Quartier von fast allen gesellschaftlichen Anlässen wie Hochzeiten, Feiern usw. ausgeschlossen ist. Da ihre Nachbarinnen wissen, dass sie ihren finanziellen Beitrag dazu nicht leisten kann, wird sie nicht eingeladen." Tanzania

"Die Leute wagen sich nicht mehr ins Rathaus, so schlecht wurden sie dort empfangen. Sie wollen da nicht mehr hin, auch nicht für administrative Formalitäten." Frankreich

Armutsbetroffene Menschen tragen zu unserer Gesellschaft bei. Aber ihre Beiträge werden oft nicht anerkannt.

"Wir haben wertvolle Fähigkeiten, auch um Geld zu verdienen - wir können stricken, wir haben vielerlei Kenntnisse, zum Beispiel auf dem Gebiet der Wiederverwertung, aber dafür erfahren wir keine Wertschätzung. Niemand erkennt unsere Anstrengungen an, all das bleibt unsichtbar." Bolivien

Die Armut wird von "modifizierenden Faktoren" beeinflusst

Identität: In Armut lebende Menschen werden diskriminiert aufgrund von Stereotypen, Vorurteilen und Unwissenheit. Wie andere Gruppen werden sie aufgrund ihres Geschlechts, ihrer ethnischen Zugehörigkeit, ihres Aussehens, ihrer sexuellen Orientierung, ihres Status als Migranten oder Einwanderer schlechter behandelt.

Zeitpunkt und Dauer: Das Leben in Armut über lange Zeit hinweg und unabhängig von der jeweiligen Lebensphase bringt eine Häufung von Belastungen und Anforderungen mit sich, die die Existenz von Armutsbetroffenen in allen Dimensionen schwerwiegend belasten.

Ort: Das Leben in benachteiligten Gebieten, ob auf dem Land oder in der Stadt, hat einen Einfluss darauf, wie die Menschen dort ihre Armut erleben.

Umwelt: Umweltpolitische Massnahmen werden oft entwickelt, ohne ihre Auswirkungen auf die Armutsbetroffenen miteinzubeziehen.

Kulturelle Einstellung: Sie beeinflusst die Art, wie Armut definiert und beurteilt wird. Ebenso kann sie einen Einfluss haben auf die Weise, wie Menschen in Armutssituationen behandelt werden.

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Armut in der Kindheit

Die Gruppen in Bangladesh und Tanzania führten Untersuchungen durch, um herauszufinden, ob die Armut von Kindern anders erlebt und definiert wird. Sie haben festgestellt, dass die Mehrzahl der Dimensionen der Armut in der Kindheit die gleichen sind wie die im Erwachsenenleben. Die von Armut betroffenen Kinder leiden aber für ihre Eltern mit, sie tragen darum eine doppelte Last. Sie müssen zusehen, wie ihre Eltern, die sie lieben, mit ihren Lebensbedingungen hadern; sie erleben ihren Kampf mit, die Familie zu versorgen und fühlen sich ohnmächtig. Mutig suchen und finden die Kinder ihren eigenen Weg, ihre Eltern zu unterstützen, was die ganze Familie stärkt.

"Mein Vater arbeitet sehr hart", erklärt ein Kind. "Er hat niemanden, der ihm helfen könnte. Ich will meinen Vater unterstützen, aber er ist nicht damit einverstanden, denn die Arbeit wäre für mich zu schwer und könnte mir schaden."

Eine Korrespondentin unseres Forums, die von der aktuellen Recherche erfahren hat, berichtet uns diese Bemerkung eines Kindes: "Wenn ich etwas laut sage, fühle ich mich lebendig, ich fühle mich wie ein erwachsener Mann…".

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Die Ziele der nachhaltigen Entwicklung (SDG Sustainable Development Goals) sind ein weltweiter Aufruf zum Handeln, um die Armut zu beenden, den Planeten zu schützen und dafür zu sorgen, dass alle Menschen in Frieden und Wohlergehen leben können.

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