Damit die Welt sich verändern kann!
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Lettre aux Amis du Monde numéro 103

Sandra ist wie unzählige andere auch vom Land in die Stadt gezogen. Als Migranten leben sie und ihre Familie im Quartier «El Paraiso» in einem Vorort von Ciudad Bolivar. «El Paraiso» befindet sich auf einem Hügel ohne sanitäre Versorgung und ohne öffentliche Verkehrs- und Kommunikationsmittel.

Im Alter von neun Jahren wurde Sandra bereits Delegierte ihrer Schule, um die Rechte der Schüler und die Interessen der Schule vor den lokalen und städtischen Behörden einzubringen. «Ich habe mir diesen Platz erkämpfen müssen – als Mädchen und als der armen Schicht angehörig. Damals habe ich meine Berufung für mein soziales Engagement gespürt, denn wenn ich das Wort ergriff, hörten mir die andern zu. Ich habe zahlreiche Orte besucht und viele Menschen kennengelernt. Für meine Reisekosten und die Verpflegung wurde ich unterstützt. Allein wäre mir das nie möglich gewesen.»

Eines Tages hat Sandra eine ältere Frau kennengelernt, die vor der Schule Bonbons verkaufte. Irgendwann kam sie nicht mehr, und niemand wusste etwas von ihr. Sandra hat erfahren, dass diese Frau, allein in ihrem Haus, an Hunger gestorben war. Dieses Ereignis hat sie tief betroffen: «Ich glaube, dass die Fondation Oasis in diesem Moment geboren wurde, als mir bewusst wurde, dass jemand an Hunger sterben kann, allein, in meiner Nachbarschaft.»

Von da an machte sie sich auf die Suche nach alten, allein lebenden, bedürftigen Menschen ihres Quartiers und lud sie zu sich nach Hause ein. Sie kochte für sie und stellte ihnen einen Ort der Begegnung zur Verfügung. Aber es war ihrer Familie nicht möglich, diese finanzielle Belastung allein zu tragen. Darum hat Sandra bei ihren Freunden um Hilfe gebeten, die darauf tatkräftig zur Aktion beitrugen. Auch andere Menschen, die davon gehört hatten, boten ihre Unterstützung an. Sie kauften ein Grundstück und bauten mit Hilfe der Nachbarn ein Haus. Bauarbeiter spendeten kleine Mengen an Backsteinen.

So ist das Gemeinschaftshaus entstanden – ein Begegnungsort, um Solidarität und soziale Beziehungen aufzubauen und um Barrieren niederzureißen.

«Heute sind wegen Covid-19 Millionen von Menschen in Quarantäne. Aber in unserem Viertel verkaufen die älteren Leute trotzdem ihre Ware, sie müssen weiterarbeiten. Die Kinder sind dem Elend mehr ausgesetzt als die Eltern. Mit unserer Stiftung verteilen wir Nahrungsmittel, aber das genügt nicht. Die jetzige Situation führt der Welt die soziale Ungerechtigkeit vor Augen, deren Opfer die Armen sind. An diese Ungerechtigkeit haben wir uns in unserem egoistischen und profitorientierten Wirtschaftssystem längst gewöhnt. Das Schlimmste, was uns passieren kann, ist, dass die Welt so bleiben wird, wie sie ist.»

Sandra S., Fondation Oasis, Kolumbien

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